Dienstag, 13. August 2013

Review: Wacken Open Air 2013 - Teil 3: Samstag und Fazit

Samstag, 2. August

Angenehme 25°. Das Leben ist schön. Also auf zum Endspurt. Heute geht es mit

ALESTORM

leider nicht los. Denn auf dem Weg zum Infield wurden wir aufgehalten von niemand geringerem als

CAPTAIN MORGAN

Der Captain persönlich gibt sich zum zweiten Mal die Ehre in Wacken. Bei seinem Landgang hat er nicht nur eine Mannschaft reizender Matrosinnen dabei, sondern auch einen großen Stapel HÜTE! Hüte, oh ja! Wunderbare rote Piraten-Hüte! Das beste Kleidungsstück seit der Erfindung der Kopfbedeckung! Wer einen solchen Hut sein Eigen nennen darf, ist ein wahrer Captain und darf selbst ohne Bart mit Santiano auf Kaperfahrt fahren. Natürlich gibt es nur einen echten Captain und den in Wacken zu finden ist nicht ganz einfach. Hat man ihn also einmal mit seinem Fernrohr erspäht, kann man auf Kleinigkeiten wie Bands die man grade noch schauen wollte, keine Rücksicht mehr nehmen sondern muss sich unverzüglich klar machen zum Entern!

Oh captain, my captain! - Quelle: stern.de
Der Captain wäre allerdings kein echter Captain, wenn er seine Beute kampflos aufgeben würde. Stattdessen fordert er alle Leichtmatrosen zu einer Runde Schere-Stein-Papier heraus.
So, ihr Landratten, ein guter Rat, falls ihr jemals das Glück habt dem Captain zu begegnen: Der Captain macht immer Stein. Immer.

Ich wusste das, man hatte es mir einst erzählt. Ich hatte es vergessen. Ich habe Schere gemacht. Ich habe keinen Hut gewonnen. Ich habe keinen Hut verdient. Ich hätte mit einem Hut nichts anfangen können, denn er passt nicht auf meinen dicken Kopf. Das Bandana das ich als Trostpreis bekommen habe, ist objektiv betrachtet weit nützlicher. Und trotzdem: Der Stachel der Niederlage bleibt. Jeder außer mir hat einen Hut bekommen. Na ja nicht jeder, aber in diesem Moment war es gefühlt jeder. Hängenden Kopfes ziehe ich nun doch weiter zu


ALESTORM

Denn auch die sind ja bekanntlich Piraten, von daher waren wir ja nun bestens ausgerüstet. Hätte man uns denn gesehn. Hat man sicher nicht, wie auch wir nichts und niemanden in Bühnennähe gesehen haben, denn vor der Party-Stage war es wirklich brechend voll. Die Stimmung war bei rumgetränkten Hymnen wie "Wenches and Mead" oder natürlich "Keelhauled" trotzdem super, aber nächstes mal sind die schottischen Piraten definitv reif für die Hauptbühne.


DIE APOKALYPISCHEN REITER

sind ähnlich wie Sabaton immer eine sichere Bank für jeden Festivalbooker. Wetter egal, Uhrzeit egal, die Reiter machen immer und überall Stimmung. Hach, schön. Da scheint auf der Bühne die Sonne nicht nur Fuchs, sondern auch dem großen Imperator Lord Abbadon (dem sich Wacken natürlich umgehend unterwarf) aus dem Arsch. Die Reitermania grassiert und darf gerne wiederkommen.
Warum die Reiter allerdings keine T-Shirts verschenken dürfen, wird wohl ein Geheimnis der Wacken-Orga bleiben. Wie so viele Kleinigkeiten in diesem Jahr, trägt auch diese Aktion einen leicht stinkenden Kommerz-Mief mit sich. In Wacken gibts eben nichts umsonst.


SONATA ARCTICA

Letztes mal noch sicherer True Stage-Kandidat, mussten die Finnen diesmal von der Party-Stage aus gegen Lamb of God auf der Black anspielen, was dem ohnehin nicht gerade wuchtigen Bandsound nicht wirklich gut tat. Die Summe aus einer eher merkwürdige Setlist, Tony Kakkos neuem Haarschnitt und nicht zuletzt der auf halber Länge einsetzende Platzregen taten ihr übriges, damit es ein Konzert zum Vergessen wurde. Wir treten die Flucht an. Am Ende des Tages sind wir eben doch nur wasserscheue Landratten.


TRIVIUM

Was, schon Samstag mittag und noch immer kein Schlamm in Wacken? Das konnte Petrus wohl nicht auf sich sitzen lassen, denn der einmalige aber heftige Regenschauer vom Mittag reichte aus, um das Infield wiedermal in eine Sumpflandschaft zu verwandeln, herumirrende Moorleichen natürlich inklusive. Anders als etliche Zelte und Pavillons hat die True Metal-Stage natürlich nicht vor den Wetterkapriolen kapituliert und so konnten Trivium mit Vollgas in den Wacken-Endspurt starten. Hätten sie zumindest theoretisch gekonnt, denn die Amis beweisen einmal mehr ihre Unwilligkeit/Unfähigkeit ein Best-of Set zusammenzustellen, was so ziemlich jede andere Band auf Sommer-Festivals eben tut. Aber gut, ist Geschmackssache (hat da Aff gesat un in die Sääf gebiss!). Kann mir gut vorstellen dass manche Leute drauf abfahren, eine unberechenbare Setlist vorgesetzt zu bekommen. Diesmal gabs sogar zwei neue Songs ("Brave this Storm" und "Strife") zu hören, die auf dem im Herbst erscheinenden Album stehn werden. Interessant dabei, dass Matt Heafy seine Stimmlage scheinbar etwas runter geschraubt hat, was stellenweise sehr an Volbeats Michael Poulsen erinnert. Eine neue Note im Trivium-Sound, wird noch interessant wie sich das auf Album-Länge macht.
Unterm Strich tue ich mich schwer den Jungs einen schlechten Gig zu unterstellen, weil Spielfreude und Sound durchaus gestimmt haben. Anderseits nervts mich, wenn Bands ihre Hits zugunsten von unbekannterem Kram untern Tisch fallen lassen (Schönen Gruß an In Flames beim Rocco).
Lemmy sagte mal, er habe selbst zwar keinen Bock mehr jeden Abend "Ace of Spades" zu spielen, aber die Mehrheit der Leute bezahlt das Geld um genau solche Lieder zu hören, also werden Motörhead es bei jeder Show spielen. Sehr weise Worte, die sich auch ein Herr Heafy ruhig mal durch den Kopf gehen lassen darf.



Trivium - Quelle: ampya.com

ALICE COOPER

Sooo geil! Ernsthaft! Der Altmeister fährt zwar seit über dreißig Jahren die selben Bühnentricks auf und schafft es trotzdem ein mitreißendes Set, mit einer Riesenpackung Hits zusammenzustellen. Alice' junge Band um Wunder-Gitarristin Orianthi schafft es dabei ihm seine Meisterstücke wuchtig und passgenau zu servieren, sodass der alte Mann nurnoch drüber krächzen muss und sich ansonsten der Bedienung verschiedener Exekutionsinstrumente bedienen darf. Die Tricks sind so unfassbar alt, dass sie einen schaurig-modrigen Gruft-Charme besitzen, den man bei ähnlich visuell orientierten Acts wie Rammstein natürlich noch vermisst.
Neben Alice' eigenen Hits der Marke "Feed my Frankenstein", "Poison" und natürlich "School's out" gibts auch noch Cover von The Doors, den Beatles, The Who, Hendrix und - besonders geil - "Another Brick in The Wall" von Pink Floyd zu hören! Alle rasten aus! Ich auch!

Hat Freude am Sterben: Alice Cooper - Quelle: ndr.de

NIGHTWISH

In Sachen bombastische Show wurde das Feld von Opa Alice gerade reich bestellt, sodass Nightwish nurnoch ernten mussten und der Auftritt schnell zum Selbstläufer wurde. Dabei war der Ausgang dieses Abends lange mit Spannung erwartet worden, denn für mich, sowie wahrscheinlich für die meisten anderen Anwesenden war Floor Jansen bis dahin ein unbeschriebenes Blatt ("Haste maln Audio-Beispiel?!"). Diese Spannung löste sich allerdings spätestens nach den ersten Strophen von "Dark Chest of Wonders" in Glückseeligkeit auf. Dabei mochte ich ihre Vorgängerin Anette Olzon wirklich und ihr "Ausstieg" Ende letzten Jahres hinterließ einen faden Beigeschmack. Nichtsdestotrotz kann ich nicht bestreiten dass Floor Jansen zu dieser Band passt wie der Arsch aufn Eimer und auch stimmlich deutlich variabler ist als Anette. Floor vereinigt das beste aus den beiden vorherigen Nightwish-Epochen, sodass die Klassiker der Tarja-Äre nun Hand in Hand mit den Bombast-Perlen von Imaginaerum stehn. "Einfach magisch" twitterte der Metal Hammer dazu. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Diese Magie wird übrigens nicht dem Wacken-Publikum alleine vorbehalten bleiben, denn die Nightwish-Show wurde für eine kommende Live-DVD mitgefilmt. Hurra, nach Avantasia 2008, sowie Heaven & Hell 2009 werde ich also zum nun dritten mal in einem professionellen Filmerzeugnis verewigt! Auch Madonna hat mal als Backgroundtänzerin bei Ozzy angefangen. Meine Weltkarriere nimmt Fahrt auf.

Feuertaufe bestanden: Nightwish mit Floor Jansen - Quelle: laut.de




Für uns wars das dann auch von musikalischer Seite. Rage und Subway to Sally bearbeiteten danach noch die ganz Standhaften, doch irgendwie wirkten unsere Schlafsäcke nach jetzt fünf strammen Tagen attraktiver. Leider gab es zu diesem Festival noch einen unschönen Schlusspunkt. Als wir zurück zu unseren Zelten kamen, fanden wir diese offen stehend vor. Irgendein Arschloch hatte alle unsere Sachen durchwühlt und im Zelt verteilt. Gestohlen wurde zum Glück nichts, waren keine Wertsachen im Zelt. Ich wünsche diesen Wichten dass sie möglichst bald von einem LKW angefahren werden. Ekelhaft.



Mag sein dass sich die Summe aus solchen Punkten, wie auch dem ein oder anderen von der Orga geschossenen Bock oder auch gewissen Wetterkapriolen, nun negativer liest als ich das Gesamtbild in Erinnerung habe. Ja, die Wege waren wieder weit. Ja das Wetter war wieder irgendwie nicht optimal. Ja, das Festival wird immer kommerzieller und ja, auch die Anzahl der Festivaltouristen nimmt zu. Und nein, ich werde nicht wieder hinfahren, zumindest nicht in den nächsten ein, zwei Jahren. Das Festival ist der Headliner, dieses selbstpropagierte Motto gilt nirgendwo sonst so wie in Wacken. Ich zweifle allerdings dass dies von der Mehrheit in dem Sinne verstanden wird wie es die Orga früher gerne mal gehabt hätte, oder ob das einfach bedeutet dass Wacken sich zu einer riesen Camping-Party auswächst und die Musik zur Nebensache verkommt. An Bands wie Kreator, Amon Amarth und Avantasia allein wird es jedenfalls wohl nicht liegen, dass Wacken 2014 keine zwei Tage nach Vorverkaufsstart ausverkauft ist. Über kurz oder lang werden Festivals aus der zweiten Reihe wie das With Full Force oder das Summerbreeze von dieser Entwicklung in der Festivalszene profitieren und die Enttäuschten und Leerausgegangenen auffangen.
Mit Verlaub liebe Festival-Touris und Panikkäufer: Wacken ist schon richtig geil, aber der momentane Hype ist einfach unverhältnismäßig. Aber macht nur, hamstert eure Karten und kuckt im nächsten Juli wie ihr sie dann noch losbekommt, weil ihr doch keinen Urlaub bekommt oder eine wichtige Klausur ansteht. Und im folgenden Jahr sehn wir uns dann in Balingen, Dinkelsbühl oder im belgischen Dessel.

Dennoch: Wacken 2013 war stark und die Reise wert. Dies lag vor allem an einigen wirklich guten Konzerten, aber auch an unserer netten Reisegesellschaft, bei der ich mich an dieser Stelle bedanken möchte. Ebenso ein Dankeschön an die Wacken-Orga und alle beteiligten Mitarbeiter. Was ihr leistet ist unglaublich, auch wenn manche organisatorische Entscheidung anfechtbar sein mag. Letztendlich stellt ihr jedes Jahr ein gut durchstrukturiertes Festival auf die Beine und sorgt dafür dass 80000 Metalheads friedlich miteinander feiern. Ich hatte sechs wirklich schöne Jahre dank euch, das ist schon eine Menge. Ihr habt einen Mythos erschaffen und geformt, macht ihn jetzt bitte nicht kaputt, dann sehen wir uns vielleicht in ein paar Jahren wieder.


tl;dr



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